Silicon Valley oder Wiener Becken? Und: was die IT aus der Modebranche lernen kann

Wenn österreichische Technologen an die Westküste der USA reisen, um die neuesten Trends in der IT aufzuspüren, dann kann es schon die eine oder andere Überraschung geben. Und nicht zuletzt merkt man, dass das „Valley“ immer noch Trendsetter für die gesamte Industrie ist.

Das Tolle an einem internationalen Job in der Technologiebranche ist unter anderem, dass man ein bisschen in der Welt herumkommt. Gut, manchmal etwas mehr als es einem selbst und der Familie lieb ist, aber insgesamt sind die Reisen doch zum größten Teil bereichernd und erweitern den sonst von österreichischen Bergen verstellten Blick. Vor ein paar Wochen hatte ich gemeinsam mit meinem Kollegen Markus Fischer (Channels Sales Manager bei EMC Österreich) die Ehre und das Vergnügen, die Geschäftsführung und technische Leitung von NTS AG Österreich, zu einem EMC und VMWare Executive Briefing ins Silicon Valley zu begleiten.

NTS ist einer unserer treuesten und technologisch kompetentesten EMC Partner, mit dem wir schon das eine oder andere Projekt in „trockene Tücher“ bringen konnten. Erwähnenswert ist auch, dass es für die meisten von uns der erste Ausflug ins Technologie-Mekka an der US-Westküste war. Dies ist insofern interessant, da ja EMC sein Headquarter ebenfalls in den USA hat und wir regelmäßig als Mitarbeiter dort zu Gast sind. ABER dieses Headquarter befindet sich auf der anderen Seite des Kontinents – in Boston, Massachusets.

Jeder der sich ein wenig mit der amerikanischen Mentalität beschäftigt hat weiß, dass sich die East- und die West-Coast nicht immer ganz „grün“ sind. Das fängt bei Rap-Musik an und endet beim generellen Zugang zum Business. Während die East-Coast (und hier im Besonderen die Gegend um Boston) einen traditionell eher konservativen Ansatz hat, ist die West-Coast um Los Angeles und San Francisco viel offener und im Umgang mit neuen Ideen und Ansätzen einfach progressiver. Da kann es schon einmal passieren, dass eher europäisch geprägte Anzugträger aus Boston die „Hoodie-Generation“ aus dem Silicon Valley als „Hippies“ bezeichnet und ihnen mit einem mehr oder weniger gesunden Misstrauen begegnet. Im Vergleich zu Österreich wiederum ist aber auch die Ost-Küste schon sehr progressiv – dazu später mehr…

Markus Fischer und Bernhard Grubelnig von EMC mit Alexander Albler und der Führungsriege der NTS AG im Silicon Valley
Markus Fischer und Bernhard Grubelnig von EMC mit Alexander Albler und der Führungsriege der NTS AG im Silicon Valley

Besuche in Executive Briefing Centern von EMC und VMWare (es gibt davon eine Handvoll auf der ganzen Welt) sind grundsätzlich immer ein Erlebnis: Die Infrastruktur ist ausgezeichnet, die Themenauswahl interessant und die Vortragenden meistens direkt aus dem „Herzen“ der EMC Federation: dem Engineering bzw. der Produktentwicklung. Das bedeutet aber auch, dass die Kollegen dem aktuellen Stand immer um mindestens 2 Schritte voraus sind.

Dazu fällt ein Vergleich aus der Modebranche ein: Jedes Jahr werden auf den großen Fashion-Shows der Welt in New York, Mailand oder Paris die neuesten Trends für die kommende Saison vorgestellt. Viele von uns sehen Ausschnitte dieser Shows oder sind vielleicht sogar selbst vor Ort (was – wenn Sie diesen IT lastigen Artikel lesen – eher unwahrscheinlich ist) und denken sich: Wer soll sowas anziehen??? Schnitte und Modelle, die im besten Fall ungläubiges Kopfschütteln generieren und im schlechtesten Fall eine Art von „Fremdschämen“ hervorrufen. Und dann passiert etwas Unglaubliches: ein paar Monate später sehen wir in den großen Modeketten von Wien bis Bregenz Nuancen von genau diesen Trends. Nicht das volle Programm – aber Ansätze die klar von diesen „verrückten“ Ideen stammen.

Ich behaupte, dass in der IT genau dasselbe passiert. Wir sehen in Vorträgen (meistens aus oder in Amerika) unglaublich fantasievolle Trends, die für das europäische IT-Auge manchmal sogar ins Esoterische abgleiten. Wir können uns schwer vorstellen, dass der EDV Leiter eines KMU im Wiener Becken einer krausen Idee eines Bartträgers mit Kapuzenpulli aus dem Silicon Valley auch nur irgendetwas abgewinnen kann. Aber siehe da: Genau dieser Trend macht seinen Weg über den großen Teich und kommt in der einen oder anderen Form bei uns in Europa an. Halt etwas zeitverzögert.

Beispiel gefällig? Vor mittlerweile mehreren Jahren wurde auf der EMC World (findet heuer übrigens in der ersten Mai Woche wieder in Las Vegas statt, Anmeldung auf: www.emcworld.com) das erste Mal der Begriff „Big Data“ verwendet. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema noch in den Kinderschuhen. Trotzdem haben die Kollegen auf der Bühne tolle Visionen und Anwendungsbeispiele von guten Datenanalysen und deren Nutzen für uns alle gebracht.

Europäische und besonders österreichische Kunden standen der Sache mit großer Skepsis gegenüber. Teils zu Recht (Datenschutz etc.), teils zu Unrecht („wieder nur ein Hype Thema“). Mittlerweile ist uns allen klar, dass das Thema „Big Data“ ein fundamentaler Bestandteil einer jeden CIO Agenda ist, mit dem er oder sie sich fast täglich auseinandersetzen muss. Einige solcher „Zukunftsthemen“ konnten wir gemeinsam mit unseren Kollegen von NTS auch diesmal in den USA sehen:

  1.  Software Defined „Everything“
    Die Vision lautet, dass so gut wie alles von Software beherrscht wird. Firmen wie Uber, Tesla oder Nest (übrigens alle mit Headquarter im „Valley“) haben es vorgezeigt und traditionelle Unternehmen folgen. Aus einem langweiligen Thermostat wird eine Life-Style Objekt und aus einer Firma die kein einziges Taxi besitzt, wird der größte Taxidienst der Welt. Alles wegen cleverer Software. Nicht zu vergessen, dass reine Softwarefirmen wie Google sich ernsthaft Gedanken machen, ins Autogeschäft einzusteigen. Undenkbar (wie schon aus Deutschland vermeldet wurde)? Ganz und gar nicht. Tesla war nur der Anfang.
  2. Virtualisierung von allem (!) – Server, Netzwerk, Storage
    Was – besonders dank VMware – im Serverbereich zum „Quasi-Standard“ wurde, findet eindeutig auch im Storage und Netzwerkumfeld statt. EMC hat mit „ViPR“ vor mittlerweile mehr als 1 ½ Jahren die erste echte Virtualisierungssoftware auf den Markt gebracht, die nicht nur für EMC Hardware sondern auch für Fremdhersteller UND Commodity-Systeme funktioniert. Mittlerweile ermöglicht NSX (Netzwerkvirtualisierung von Vmware) eine volle Abstrahierung der Netzwerkhardware. Damit ist der Weg zum Software-Defined-Datacenter (SDDC) eindeutig eingeschlagen.
    Wir werden in Zukunft wieder mehr Softwareexperten als Hardware Experten in unseren Datenzentren brauchen. Systemintegratoren werden von Converged-Infrastructure Spezialisten abgelöst. Warum etwas selbst bauen, wenn ich mir Zeit und Geld durch ein fertiges System (zb. EMC Vblock) sparen kann? Es baut heute ja schließlich auch niemand mehr seinen PC selbst zusammen…
  3. Hyperconverged – Besonders für kleine und mittlere Unternehmen
    Vollkommen vorkonfigurierte und innerhalb von Minuten installierbare Systeme, die Server, Storage und Netzwerk im kleinstmöglichen Formfaktor beinhalten. Auch hier geht es wie oben schon erwähnt darum, dass das Unternehmen sich schnellstmöglich auf neue Heraus- und Anforderungen einstellen kann. Das Unternehmen wächst und es werden zusätzlich 300 virtuelle Server gebraucht? Kein Problem: 15 Minuten vergehen vom Auspacken der Maschine bis zum ersten provisionierten Server. So gesehen bei der VSPEXBlue Demonstration im EMC Briefingcenter.

Genau diese Trends (und noch so einige mehr) sind schnellen Schrittes auf dem Weg von der Westküste der USA zu uns nach Mitteleuropa. Einige werden sich jetzt wundern: „Und was ist mit Cloud-Computing?“ Ehrlich: Dieser Trend ist im Silicon Valley schon sowas von „2013“. Die Diskussion ob Cloud „JA“ oder „NEIN“, wie sie bei uns noch oft geführt wird, ist dort schon seit langer Zeit vorbei. Cloud Computing ist dort einfach Standard und wird nicht mehr extra als Trend erwähnt. Wenn überhaupt, dann geht es noch um Hybrid-Cloud. Auf dieses Thema wird in der Tat noch sehr viel Wert gelegt, da es vor allem darum geht, wie sich IT Manager und CIOs als „Broker“ von Services etablieren können und Private und Public Cloud sinnvoll verbinden können.

Bernhard Grubelnig ist Senior Director bei EMC in Wien und für den technischen Presales in den Service Centern in  Europa, dem mittleren Osten und Afrika verantwortlich.
Bernhard Grubelnig ist Senior Director bei EMC in Wien und für den technischen Presales in den Service Centern in Europa, dem mittleren Osten und Afrika verantwortlich.

Tja, jetzt sind wir alle wieder glücklich aus dem Silicon Valley im Wiener oder (im Falle der NTS Geschäftsführung) Grazer Becken gelandet und haben uns fest vorgenommen: Wir müssen von der Modebranche lernen! Wir müssen Trends und Mega-Trends von den Vorreitern und Visionären frühzeitig hören, die richtigen Schlüsse ziehen, unsere eigenen Mitarbeiter dafür ausbilden und dann die richtigen Nuancen dieser Trends mit unseren Kunden gemeinsam verwirklichen.

Wenn nicht wir IT-Hersteller und unsere Partner diese Aufgabe übernehmen, wer sonst? Und in gewisser Weise sind wir auch verantwortlich dafür, aus dem Wiener Becken ein Silicon Valley zu machen. Zumindest ansatzweise …

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